Wer keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen
- Rede am Speakers´ Corner (9.11.2011)
Drucken E-Mail
Geschrieben von Thorsten Hild   

Am 9. November veranstalteten der Speakers´ Corner Trust und das Zentrum für politische Schönheit eine Speakers´ Corner vor dem Brandenburger Tor. Das Motto: "Wir sind das Volk - die Kraft der freien Rede." Es sprachen u.a. Gesine Schwan und Timothy Gorton Ash. Auf Einladung der Veranstalter habe ich dort auch eine kurze Rede geschwungen und eines meiner Lieder gesungen. Unten der Redetext. Da ich sie komplett frei gehalten habe, mag der gesprochene Text in einigen Passagen leicht von dem unten zuvor verfassten abweichen; er wird von den Veranstaltern demnächst auf Youtube gezeigt. Beeindruckend und berührend waren für mich vor allem die Rentnerinnen und Rentner, teilweise über 90jährig, die vom Zentrum für politische Schönheit vor das Brandenburger Tor gefahren wurden und redeten!

Wer keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen

Gibt es hier irgendjemanden unter uns, der keine Träume mehr hat, keine Visionen?
 
Nein. Das ist gut! Denn wer keine Visionen hat sollte zum Arzt gehen.
 
So betrachtet ist das hohe Haus dort drüben, der Deutsche Bundestag,
von dem schon Wehner wusste, dass dort nichts hoch ist, außer der Decke,
so betrachtet ist der Deutsche Bundestag ein Krankenhaus,
eine Intensivstation für besonders schwere Fälle,
denn dort gibt es keine Visionen mehr, keine Träume,
dort herrscht ein rigides Sparregime,
dessen einfallslose Ideologie sich wie Mehltau über ganz Europa gelegt hat.
 
Und deswegen breche ich aus. Ich unternehme einen kleinen Ausflug jetzt, hier,
in diesem Augenblick. Hinaus ins politische Niemandsland.
Ich mache mich auf die Suche – nach den Politikern,
die schon vor mir dorthin aufgebrochen sein müssen.
Ins politische Niemandsland.
 
Dorthin, wo sie wieder ehrlich Position beziehen,
für ein funktionierendes, kostenfreies Gesundheitssystem zum Beispiel,
für ein Schulsystem, dass allen, ungeachtet ihrer sozialen und geographischen Herkunft ,
ein hohes Bildungsniveau ermöglicht. 

Dorthin, wo es selbstverständlich ist, dass die Menschen von ihrer Arbeit leben können.

Dorthin, wo es selbstverständlich ist, dass Konflikte mit Worten und nicht mit Waffen ausgetragen werden.

Dorthin, wo der Arbeitslose nicht als Bittsteller auftreten muss.

Dorthin, wo Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen, Rentnerinnen und Rentnern ein ungezwungenes, sorgenfreies Miteinander möglich ist, ohne dass sie gegeneinander ausgespielt werden.

Dorthin, wo das Allgemeinwohl an erster Stelle steht.

Dorthin, wo ohne Umschweife in die Zukunft investiert und nicht in sie hinein gespart wird.

Dorthin, wo Umweltpolitik und Wirtschaftspolitik keine Gegensätze bilden, sondern zusammenwirken.

Dorthin, wo Politiker wieder mit ehrlichen Überzeugungen in der Auseinandersetzung glänzen und nicht mit oberflächlichen, sinnentleerten Taktiken abstumpfen.

Dorthin, wo die kulturellen und individuellen Eigenarten eines jeden Menschen geachtet und nicht geächtet werden, dorthin, wo sie begrüßt und gefördert werden.

Dorthin, wo sich Chefs und Mitarbeiter auf Augenhöhe begegnen und nicht allein die Macht der Arbeitgeber regiert.

Ich würde gern noch weiter hinaus, ins politische Niemandsland. Aber ich muss zurück, hierher, ins Land der kleinen politischen Versatzstücke.

Warum ich diesen Ausflug dann überhaupt erst unternommen habe?

Ganz einfach ich wollte endlich einmal wieder zeigen, was möglich und wünschenswert ist,
etwas Positives über Politik und Gesellschaft sagen. "I still have a dream!" Dankeschön.

< Zurück   Weiter >
You are not authorized to leave comments - please login.
Alltagsminister
In dieser Kolumne berichtet jeden Montag der Alltagsminister (s. hierzu in "Zu dieser Seite" und unter "Die bisher erschienenen Kolumnen").

30.10.2006
Der Alltagsminister pausiert. Lesen Sie bis zur Wiederaufnahme seine bisherigen Kolumnen...
  Weiter...